aesthetische Anmutung

Ästhetik

Auf Grund des vorigen Artikels beauty & the beast will ich nochmals auf die zwei Beiträge über Schönheit – meine Leidenschaft I und Schönheit meine Leidenschaft II (beide aus 2007) verweisen und diese mit dem folgenden Versuch einer Definition über Ästhetik aus meiner Dissertation ergänzen.

Ästhetik leitet sich aus dem altgriechischen Wort aisthesis ab, welches Wahrnehmung, Empfindung bedeutet. Das Substantiv entstammt aus dem Verb aisthanesthai, das fühlen, wahrnehmen, der Wahrnehmung fähig, empfinden, merken, verstehen, einsehen, Einsicht haben in sich trägt. Im Substantiv stehen die Bedeutungen Gefühl, Wahrnehmung, Empfinden, Sinneswerkzeug, Empfindungsvermögen, Erkenntnis, Begreifen und Verständnis hinter dem Begriff.

Für Platon (427–347 v. Chr.) stand die Nachahmung der Schönheit im Vordergrund, um diese zu verinnerlichen. Er bildete eine Stufenleiter von „der leiblichen Schönheit über die seelische Schönheit zu den schönen Tätigkeiten (aktives Tun), weiter zu den schönen Erkenntnissen (Wissenschaft) bis zum Schönen an sich“.[1] Mit Nachahmung ist jedoch nicht die getreue Wiedergabe einer Form oder die Kopie gemeint, sondern innerhalb der Stufenleitung die Haltung des Schönen zu erlernen und in eine selbstständige Handlungsweise einzubetten. Das bedarf einer Läuterung und Reinigung, denn nur in der künstlerischen Ekstase, in der Inspiration, kann es gelingen, die ursprüngliche Wirklichkeit der Ideen – und Gott – nahezukommen. Das Ziel ist ein ästhetisches, intellektuelles und ethisches Maximum.[2] Dabei wird die Idee des Schönen mit der Idee des Guten zu einer Weisheitslehre verbunden. Schönheit ist das beständig Seiende, ewig und unvergänglich, und frei von Vergleichbarkeit. Schön ist in sich rein und immer nur es selbst. Schön ist die Liebe in ihrer reinen und wahren Form, denn nur sie enthält die Erkenntnis für das unvergleichbare Wahre und Ewige. Das Urschöne ist die wahre Liebe, ist das Göttlich-Schöne. Für Platon zeigt sich in der Suche nach dem Guten das Schöne: „’Der Schönheit allein ist dies zuteil geworden, daß [sic!] sie das am meisten Hervorleuchtende (ekphanestaton) und Liebenswerte ist’.“[3] Platon greift hier inhaltlich auf den griechischen Dichter Pindar zurück, der dies poetischer formulierte:

„Was von Natur kommt, ist voller Kraft […] Doch alles, was ohne Gottheit geschieht, wird durch das Verschweigen nicht schlechter […] Angeborener Wert ist’s, der hohes Gewicht leiht. Wer nur Gelerntes kann, ein dunkler Mann, denkt auf dieses, auf jenes er bald, geht nie sicheren Fußes, versucht sich an tausend Leistungen nur mit ziellosem Sinn.“[4]

Sokrates, Platon und Aristoteles vereint der Glaube an universelle und zeitlose Kriterien für eine Bewertung von Schönheit, wobei schön ausschließlich das Ur-Schöne, das Göttliche, frei von jeglicher Vergleichbarkeit ist.

Der deutsche Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten (*1714–1762) gilt als der Begründer der ästhetischen Bildung als eigene Wissenschaft, und er beschreibt in seinem Werk Aesthetica (1790) seine Lehre von den angewandten Gesetzen der Schönheit. Baumgarten setzt die Ästhetik als Analogon zur Logik und strukturiert sie in Teilgebiete. Für ihn umfassen Ästhetik und Logik sowohl natürliche als auch künstliche Bereiche[5], und er definiert Ästhetik wie folgt: „Die Ästhetik (Theorie der freien Künste, untere Erkenntnislehre, Kunst des schönen Denkens, Kunst des Analogons der Vernunft) ist die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis.“[6] Baumgarten unterteilt weiterhin die Definition der Ästhetik in folgende Teilbereiche:

„1) Die Ästhetik ist eine Erkenntnistheorie, und zwar speziell der ‚unteren’, sinnlichen Erkenntnisvermögen, 2) sie soll als Wissenschaft der Logik an die Seite gestellt werden, 3) sie ist zugleich eine ‚Kunst des schönen Denkens’ und eine ‚Theorie des Schönen’ und sie soll 4) auch eine Theorie der freien Künste umfassen.“ [7]

Für ihn ist das rationale Denken gleichwertig mit der sinnlichen Erkenntnis. Damit beinhaltet Ästhetik die sinnliche Erkenntnis, das Begreifen, das Verständnis und das Urteil. Für ihn wird die Ästhetik zu einer Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis durch das untere Erkenntnisvermögen, heute würde man sagen dem Unbewussten.

„Die unteren Erkenntnisvermögen, die Sinnlichkeit, sind eher zu bekämpfen als zu erwecken und zu stärken. Meine Antwort: a) Die unteren Erkenntnisvermögen haben keine Gewaltherrschaft, sondern eine sichere Erfahrung nötig. b) Die Ästhetik wird diese Führung übernehmen, soweit dies auf natürliche Art und Weise erreicht werden kann, indem sie uns gleichsam in die Hand nimmt […]“.[8]

Wie in der Antike vertritt auch Immanuel Kant die Verwandtschaft und Gleichursprünglichkeit von ästhetischem und moralischem Gefühl in seiner Analyse des Schönen und Erhabenen[9]. Für ihn gilt einerseits: „Es kann keine objektive Geschmacksregel, welche durch Begriffe bestimmte, was schön sei, geben. Denn alles Urteil aus dieser Quelle ist ästhetisch.“[10] Andererseits gilt, dass die empirische, interkulturelle und Zeiten übergreifende Geschmacksregel abhängig von der Abstammung ist, dass es aber darunter auch eine tief verborgene, allen Menschen eigene Beurteilung der Formen geben muss. Schließlich gilt drittens, dass es exemplarische Produkte des Geschmacks gibt, welche ein Ideal der Schönheit darstellen, wobei das Urbild des Geschmacks lediglich eine Idee[11] ist, die jeder eigenverantwortlich aus sich selbst entstehen lassen muss und die Grundlage der eigenen Beurteilung ist.[12]

In der Antike wurde das Urschöne mit dem Guten und Göttlichen verbunden und galt als Vorbild zur Nachahmung. Kant nennt es das Urbild des Geschmacks, das jeder in sich trage und hervorbringen müsse.

Diese Auffassungen gleichen sich im Kern und sind auch noch heute gültig.
Ihre Sybs Bauer

[1]           Natter (2017).
[2]           Vgl. Natter (2017).
[3]           Natter (2017).
[4]           Natter (2017).
[5]           Vgl. Mirbach (2007), S. 27f.
[6]           Baumgarten in Mirbach (2007), S. 28.
[7]           Baumgarten in Mirbach (2007), S. 28.
[8]            Baumgraten in Hamker (2003), S. 178.
[9]           Vgl. Natter (2017).
[10]          Kant (1790) Kapitel 25, § 17.
[11]         Vgl. Natter (2017).
[12]         Vgl. Kant (1790) Reclam, 2006.
Foto: Ronny Overhate