Ausstellungskritik beauty von Sybs Bauer

beauty & the beast

Derzeit präsentiert das Kunst und Gewerbe Museum in Hamburg die Ausstellung Beauty von Sagmeister&Walsh. Ursprünglich in Wien von Kathrin Pokorny-Nagel (MAK Wien) kuratiert, wird gleich anfänglich darauf hingewiesen, dass es sich um ein persönliches Plädoyer an der Lust an Schönheit handele. Die Ankündigungen verleiten trotzdem zur Vorfreude, ein wissenschaftliches Abenteuer über Schönheit mit „empirisch fundierte Argumenten“ sei zu finden und man trete in einen Diskurs. In letzteren trete ich jetzt.

Große Versprechen – wird es gehalten?

Tritt man in die Ausstellung, trifft man zuerst auf einen ausgestopften Pfau. Einen männlichen versteht sich, mit aufgeschlagenem Rad. Der Untertitel „Schönheit ist die Strategie vieler Tiere, um den besten Partner zu finden. Die Federn des Pfaus sollen die beste Pfauenhenne anziehen.“ Mir ist bewusst, dass die Grafiker Sagmeister&Walsh keine Biologen sind, doch selbst mit guten Willen, gehört dieses Grundwissen in den Biologieunterricht der Mittelstufe. Schönheit und Anmut sind laut Darwin Kriterien der weiblichen sexuellen Selektion. Hier sucht die Henne den Hahn. Würde der Hahn suchen, wäre seine Schönheit kein Argument. Ob Henne oder Hahn, „besser“ ist ebenfalls eine falsche Mitteilung über die Evolution, denn die Natur kennt keine Bewertung.

Wäre es der einzige Fauxpas, gäbe es diesen Text nicht. Eine schöne visuelle Darstellung mit schwarzen Büchern als statistische Balken täuschen mit der Behauptung, mit Schönheit hätte man sich in den letzten Jahren nicht beschäftigt. „Nahezu im gesamten 20. und 21. Jahrhundert war und ist Schönheit im Designdiskurs eher negativ besetzt.“ heißt es bereits in der Ankündigung. Ein genaues Hinsehen lohnt, denn die wissenschaftlich anmutende Präsentation basiert alleine auf einer Google-Suche, mit den bisherigen digitalisierten Büchern. Also keine Wissenschaft. Und, was mich als Designerin am meisten stört, ist die Einseitigkeit: im Deutschen gibt es viele Worte, die statt dem Wort Schönheit eingesetzt wurden und werden. Gerade im Design war es lange Jahre die „gute Form“, „gutes Design“ und natürlich „Ästhetik“. Letztere als „ästhetische Funktion“ immer Teil des Briefings und für die Formfindung in verschiedene greifbare Aspekte aufgegliedert – zumindest für Industriedesigner. Umgangssprachlich wird die Vielfalt der Synonyme noch reichhaltiger „super“,„gigantisch“ bis zur heutigen Jugendsprache „Alter, geil man“. Das Wort Schönheit wurde ohne Frage durch weiblichen Schönheitsideal und Modezeitschriften in die Ecke der oberflächlichen Äußerlichkeit gedrängt und in diesem Sinne mag es negativ im Designkurs besetzt sein.

180º Drehung

Hier prangt Platons Aussage an der Wand: das Schöne ist gut und das Schöne ist wahr. Eine korrekte Aussage, doch leider unvollständig. Man ist verleitet den Ausstellungsmachern zu unterstellen, sich mit den gezeigten Objekten auf Platons Stufe stellen zu wollen. Doch für Platon ist das Schöne, welches er mit dem Guten und dem Wahren gleichsetzt, das Ur-schöne, das Göttliche, ohne Vergleichbarkeit und nicht vom Menschen geschaffen. Mit anderen Worten, die gezeigten Exponate wären aus Platons Welt der Schönheit ausgeschlossen.

Weniger ist mehr stimmt also nicht immer. Zwei Schritte weiter steht wieder ein Zitat: „form follows function“ von Louis Sullivan mit dem bildlichen und textlichen Hinweis, Sullivan habe auf Ornament nicht verzichtet. Unausgesprochen könnte der Besucher/die Besucherin glauben, Sullivan fehlte es an Konsequenz. Doch auch dieses wäre nicht korrekt, denn seine Aussage ist weit umfassender: „Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“
Erst in der Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, 1908, von Adolf Loos wird das Ornament abgewertet. Und die heutige Bedeutung von „form follows function“, als Funktionalismus und als Kunst der Reduzierung, wurde erst im bauhaus geprägt. Seither wird dieses Zitat auf Produkte bezogen und der ganzheitliche Ansatz von Sullivan ist in Vergessenheit geraten.

Die spielerische Auswahl, ob die Vorliebe das Meer oder die Berge sind, ist nett, aber bringen diese verschiedene Landschaftsfotos Licht in das Thema Schönheit? So geht es leider auch weiter. Spielerische Aspekte, die durchaus Spaß bringen, aber den Bezug zum eigentlichen Thema nicht weiter herstellen. Es bleibt das Persönliche in dieser Ausstellung haften, die insgesamt nur mit dem Prädikat „oberflächlich“ gebrandmarkt werden muss und weit entfernt ist, von einer Auseinandersetzung mit und um die Schönheit. Sie zeugt von einer oberflächlichen Arbeitsweise der so hochgepriesenen Grafiker*innen und von einer verpassten Chance, der „Schönheit“ ein Denkmal zu setzen (statt den Ausstellungsmachern). Wie sehr es Sagmeister&Walsh tatsächlich um sich selber geht, zeigt bereits das Plakat: sie nennen sich zuerst und dann erst den Titel der Ausstellung. Ein Selbstmarketing, welches plakativ und inhaltlich nicht zu übersehen ist.

Leider wird dieses Selbstmarketing auch noch mit öffentlichen Geldern finanziert. Und offenbar fehlt es den Verantwortlichen in den Museen an Wissen und/oder an einer gelebten Verantwortung, Zitate und Behauptungen zu prüfen, bevor sie die eigenen Wände schmücken. Wie steht es da mit der Aufgabe der Wissens- und Kulturvermittlung?

Bleibt die Frage, ist das schön?
Sybs Bauer

Foto: Hintergrund ist aus dem Plakat der Ausstellung