cigno - süss wie die Liebe. 1985. Eine Espressomaschine. Eine Idee der Zeit voraus.

cigno – süss wie die Liebe

1985 – Eine Espressomaschine. eine Idee ihrer Zeit voraus.

Was man sieht, ist die Form.
Was man nicht sieht, ist die Idee dahinter.

Nichts ist unmöglich – nicht nur bei Toyota, sondern offenbar auch auf LinkedIn.

Manchmal führt eine unerwartete Verbindung zu einer Geschichte, die Jahrzehnte zurückreicht. In meinem Fall begann sie mit der Liebe zum Espresso – den ich selbst inzwischen kaum noch trinke.

So fand mich die Vernetzung mit Radu Ferendino, einem ausgewiesenen Kenner historischer Espressomaschinen für die Gastronomie. Der gemeinsame Bezug: meine Diplomarbeit „cigno“ von 1985 – oder genauer gesagt: sein tiefes Wissen über Espressomaschinen und ein Bild von meiner Website designkunst.com/produktistmarke.

Was dann folgte, überraschte mich, freute – und tatsächlich machte es mich auch ein wenig stolz.

Manchmal braucht es den Blick von außen, um zu erkennen, welche Ideen ihrer Zeit voraus waren. Radu Ferendino hat mir erlaubt, sein ausführliches Feedback über „cigno“ hier zu teilen:

»Vom Wasser zum Kaffee auf direktem Weg.

Sehr konsequentes Design, das rein der Funktion folgt und nur eine Leitung zulässt.
Relevanz erhält Ihr Design für mich im unmittelbaren Bezug zu den Gastro-Espressomaschinen der 1980er Jahre. Sie waren Ihrer Zeit aber so was von voraus! Chapeau! Das heute (in der Kaffeeszene) bekannte Modbar System kam erst zwei Jahrzehnte später! Die Idee der „modularen Kaffeebar“ (Boiler, Pumpe und Steuerung sind unter dem Tresen montiert; sichtbar ist die Brühgruppe / der Siebträger) wird erst seit 2013 in Partnerschaft mit La Marzocco angeboten, das Konzept entstand 2007 (modbar.com). Es gibt auch einen Wettbewerber, der 2015 nachgezogen hat (Mavam). Und es gibt auch einen TopBrewer von Scanomat, hier sieht man nur einen schlanken, gebogenen Zapfhahn (und ein Touchdisplay), erinnert optisch an ihre Cigno, ist aber eher Kaffeeautomat als Siebträgermaschine.

Sie sind diesen gestalterischen Schritt schon 1986 gegangen! Alles, was es „oben“ nicht braucht, aus dem Weg geräumt, reduziert bis zum maximal möglichen; stimmige Proportionen; passende Farbe (n). Ein radikaler Gegenentwurf zum Markt, der damals nur wenig ansprechende klobige Kästen an die Rückwände der Bars stellte. Sie zeichneten dagegen weich, harmonisch und in der Bedienung face to the customer!

Sehr schön! Ein Bruch mit dem Herkömmlichen.«

cigno – süss wie die Liebe. Das Unsichtbare

Kann ich dem noch etwas hinzufügen? Ja. Denn bei gutem Design ist längst nicht alles sichtbar. Ein Bild erzählt viel. Aber eben nicht die ganze Geschichte.
Auf dem Foto sieht man den Siebträger in einer offenen Situation: Die Tassen werden gerade gefüllt. Man sieht die klare Form, die Proportionen, die Reduktion. Man sieht die Idee. Was man nicht sieht, ist das, was dieser Idee vorausging.

Recherche. Über Kaffee, Kaffeezubereitung, Maschinen. Trendanalyse. Gespräche. Beobachtung. Unzählige Skizzen. Verworfenes. Neu Gedachtes. Und vor allem: die Menschen, die später mit diesem Produkt arbeiten würden. Eine qualitative Befragung von Gastronomen und Mitarbeitern, die täglich mit Espressomaschinen arbeiteten, brachte eine klare Erkenntnis: Sie wollten verantwortlich für die Qualität sein, also selbst aufbrühen – und keinen automatisierten Knopf drücken. Das war ein wichtiger Ausgangspunkt für die Gestaltung.

Und dann gibt es noch etwas, das man bei einem Guten Design nicht sehen sollte: die Reparaturfähigkeit. Heute würden wir sagen: Nachhaltigkeit. Damals war es schlicht eine Frage guter Gestaltung und einer der Funktionen, die erfüllt werden mussten. Ein Handgriff – und die Maschine öffnet sich. Alles liegt sauber geordnet und zugänglich vor einem. Kein unnötiges Zerlegen, kein kompliziertes Suchen, kein Kampf gegen das eigene Produkt.

Übrigens, belohnt wurde meine Diplomarbeit, „cigno“ – die Espressomaschine für die Gastronomie, mit dem Bayrischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner (den es leider nicht mehr gibt). Es war bereits mein zweiter Designpreis – der erste erwarb mein Lesemöbel „Schnecke“.

Design > Form

Das ist eine der wichtigsten Lektionen damals wie heute: Gutes Design beginnt nicht bei der Form. Es beginnt dort, wo Menschen und Unternehmen gerade stehen. Bei ihren Bedürfnissen. Ihren Gewohnheiten. Ihren Widersprüchen. Ihren Möglichkeiten. Und eigentlich bei dem, was sie selbst noch gar nicht sehen können. Das gilt für ein Produkt genauso wie für eine Marke, eine Organisation oder einen Veränderungsprozess.

Produkt ist Marke

Meine Arbeit hat sich deshalb über die Jahre immer wieder erweitert: vom Produkt zur Marke, von der Gestaltung zur Strategie, von sichtbaren Lösungen zu den Systemen und Haltungen dahinter.

Mich interessiert das Wesentliche.

Was ist wirklich da?
Was wird gebraucht?
Was kann weg?
Was darf entstehen?
Und was wird möglich, wenn wir den Blickwinkel verändern?

Deshalb ist „cigno“ – und damit meine Ausbildung – für mich heute noch genauso aktuell wie damals. Nicht, weil es seiner Zeit voraus war (obwohl, das auch), sondern weil gutes Design zeitlos zu sein hat. Es macht das Wesentliche sichtbar – und alles andere überflüssig.

Das Wesentliche erkennen. Möglichkeiten gestalten. Zukunft bewegen.
Interesse an einem gemeinsamen Perspektivwechsel? Sprechen wir darüber.

Dr. Sybs Bauer, designkunst

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