20 Jahre designkunst in 2020

20 in 2020 : designkunst Hamburg

Es begann mit einem Ende

Vor 2000 lebte ich in Caracas, Venezuela, gestaltete für die Deutsche Botschaft Caracas, u. a. auch ein Denkmal für Alexander von Humboldt, das Goethe-Institut und gab meine Liebe zum Design an Studierende der privaten Universität ProDiseño weiter. Ich liebte die Schönheiten der Natur, die groß und mächtig an jeder Ecke mir ins Gesicht lachten und deren Samen wie die Vogelwelt um mich flogen. Im völligem Kontrast standen die menschlich erbauten Hässlichkeiten. Hinzu kam, dass viele Menschen gerade mal einen 2$ Plastikstuhl besaßen und ich träumte – heimlich natürlich nur noch – von einer Bulthaup-Küche. Ein Traum, der sich in diesem Umfeld zum Albtraum entpuppte. Mein Beruf, den ich so liebte, was war er anderes als Wohlstandsmüll? Wo lag der Sinn in guter Gestaltung, wenn Essen und kreative Bildung fehlte? Wie weit geht die Verantwortung in unserem Beruf? Ich entfloh diesen Gedanken zu gerne in meiner Faszination zur Natur, und fragte mich immer öfters, warum der Mensch nicht einfach von der unglaublichen Gestaltungsfähigkeit der Natur lernen konnte? Und wenn das Lernen aus der Natur das Ziel wäre, wie sähe so ein Lehre aus?

Das Ende als Anfang

Das Ende, welches für mich zum Anfang wurde, war ein Ende für über 80.000 Venezolaner*innen. 400.000 (Zahlen Rotes Kreuz) verloren ihr Zuhause. Die Naturkatastrophe „el niño“ Ende 1999 entfachte eine menschliche Tragödie: Hilfsgüter wurden gestohlen, Kinder bei Rettungsaktionen von den Eltern getrennt, Hilfesuchende vergewaltigt und jeder suchte irgendjemanden. Anarchie, Resignation und Chaos beherrschte das Land. Der Tag der Katastrophe fiel mit dem Wahltag eines neuen Grundgesetzes zusammen, an dem der 6 Monate zuvor gewählte Präsident Hugo Chavez sich die Macht zuschob, den Kongress außer Kraft zu setzen (was er später auch umsetzte). Zeitungen wurden erstmalig zensiert und das Land entschwand in die Dunkelheit der Diktatur. Wie sollte man hier an Schönheit und Design denken? Mir war jedoch vergönnt, was viele nicht konnten: zu gehen.

Zurück in Hamburg

Zurück in Hamburg dauerte es seine Zeit, bis ich meinen Frieden fand. Und bis sich meine feste Überzeugung etablierte, dass Schönheit uns und die Welt bereichert. Immer und immer wieder. Der Mensch strebt nach Schönheit in ihrer Gesamtheit, nach einer integrierenden Schönheit die Höhen und Tiefen durchdringt. Damit ist nicht die Hülle gemeint, sondern die innere Schönheit, die sich im Außen manifestiert. Schönheit als Haltung. In der Art, wie Platon sie anstrebte: „Der leiblichen Schönheit über die seelische Schönheit zu den schönen Tätigkeiten (aktives Tun) weiter zu den schönen Erkenntnissen (Wissenschaft) bis zum Schönen an sich.“ Die alten Griechen waren sich alle einig, dass es universelle und zeitlose Kriterien für eine Bewertung der Schönheit gäbe, wobei schön, das Ur-schöne, das Göttliche sei und frei von Vergleichbarkeiten. (tiefer geht es im Beitrag über Ästhetik)

Seit 20 Jahren nun ist es mir immer wieder eine Freude, Schönheit in Unternehmen zu bringen; die Marke klar zu strukturieren, den Auftritt im Sinne der Leser*innen integrativ zu gestalten und alles nur Denkbare an Schönheit in den Produkten herauszuholen, was Technik, Wirtschaftlichkeit und Raum möglich machen. Durch meine zusätzliche Ausbildung als Coach ist auch immer mehr die menschliche Schönheit integriert. Ein Schönheitspaket der Haltung, der Werte und der Tiefe. Es ist ein Genuss, Unternehmen in ihrer Gesamtheit und Menschen aufblühen zu sehen, sowie den Erfolg in der Transformation aus roten in schwarze Zahlen mitzuerleben.

Natürliche Schönheit

Meine Gedanken und meine Neugier, ob der Mensch nicht von der Schönheit der Natur lernen könnte, ließ mich nicht los. Ich forderte mich selbst auf, einen forschenden Weg einzuschlagen und verpflichtete mich zu einer Doktorarbeit an der TUMünchen und entdeckte uferloses Untiefen, Unwissen und Wissen. Meine Demut gegenüber der Natur wuchs täglich. Und die grandiosen Fähigkeiten, die wir als Mensch innehaben, überraschten mich immer mehr. Für mich wurde die Arbeit ein spannender Bogen der Schönheit, von der Naturlehre über die Gestaltungslehre bis hin zu einer natürlichen Geisteshaltung.

2020

So beginnt das neue Jahrzehnt 2020 mit dem 20-jährigen Jubiläum designkunst in Hamburg wieder mit einem Ende: Meine Forschungsarbeit der „Natürlichen Formbildung“ ist – zumindest akademisch –beendet. Sie verlieh mir den akademischen Titel des Doktor-Ingenieurs. Nicht zu Ende ist mein forschender Geist. Und ich bin mir sicher, das gewonnene Wissen wird sich perfekt in neuen Projekten einfügen lassen.

Die nächsten 20 Jahre beginnen genau JETZT!
Ihre Sybs Bauer