Wenn Forschung Fahrrad fährt und Kunst freihändig lenkt
Was passiert, wenn man Menschen jeden Alters um eine Skizze eines Fahrrads bittet, mit der simplen Ansage: „Mach mal“?
Richtig. Es entsteht Velocipedia.
Das Projekt des italienischen Designers Gianluca Gimini ist eine Liebeserklärung an das Grenzgängertum – an jene wunderbare Zone, in der Forschung nicht trocken, Design nicht nur funktional und Kunst nicht nur an der Wand hängt. Velocipedia ist kein Fahrradprojekt im klassischen Sinne. Es ist eher eine archäologische Ausgrabung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit auf zwei Rädern.
Forschung: Ernsthaft absurd
Ausgangspunkt von Velocipedia sind reale Skizzen von Menschen, keine Designer, keine Ingenieure, im Alter von 3 bis 88 Jahren. Manche dieser Skizzen wirken charmant naiv, andere schlicht lebensgefährlich. Fast alle haben eines gemeinsam: Sie wurden nie gebaut. Naja fast nie. Statt die Ideen im Archiv verstauben zu lassen, treibt der Kommunikationsdesigner die Forschung weiter – bis zur Konsequenz. Denn die besten und absurdesten Skizze wurden bei Velocipedia gerendert – und als Kunstprojekt sogar 5 davon real gebaut.
Forschung darf hier ohne Ziel sein. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Die digitalen Renderings sind hochpräzise, elegant, fast schon verführerisch. Sie geben den verrückten Ideen eine Seriosität, die sie nie hatten – und plötzlich beginnt man zu suchen: Was fehlt, was ginge, wie sähe die eigene Skizze aus?
Mit dem Bau einiger der gerenderten Entwürfe, wird Design zum Medium zwischen Idee und Realität. Es urteilt nicht. Es steht einfach da. Und das gesamte Projekt wird zum Kunstwerk.
Kunst: Freiheit auf zwei Rädern
Spätestens in der Kunstausstellung Velocipedia IRL wird klar, das Projekt irritiert, unterhält und regt zum Denken an. Die ausgestellten Objekte stehen da wie alternative Evolutionsstufen des Fahrrads. Als hätte die Geschichte an einer Kreuzung falsch abgebogen und wir wären in einem Paralleluniversum gelandet, in der Funktion optional ist.
Die Besucher:innen schwanken zwischen Lachen, Staunen und leiser Bewunderung. Denn hinter all dem Humor steckt etwas sehr Menschliches: die ureigene Kreativität, durchaus frei von Funktionen und ein Abbild der menschlichen Wahrnehmung – mitunter unpraktisch, unbequem oder komplett verrückt.
Hier darf Kunst genau das sein, was sie am besten kann: ein Raum für Möglichkeiten.
Warum dieses Grenzgängertum wichtig ist
Velocipedia zeigt, warum wir Projekte brauchen, die sich nicht entscheiden wollen – oder müssen. Forschung, Design und Kunst sind keine klar getrennten Disziplinen, sondern interagieren: Erst im Werden – ohne Ziel – entsteht etwas Einzigartiges.
Wir brauchen genau solche Grenzgänger:innen, denn ohne sie, wer weiss das schon, würden wir vielleicht heute noch auf dem Hochrad sitzen. Und das will nun wirklich niemand.
Museum photos courtesy of curator Pippa Mott
Photographer ©Jesse Hunniford
