Über die schöpferische Kraft des Menschen und die größere Intelligenz der Natur.
Auf dem Education Panel des Designforums „Die transformative Kraft des Designs“ in Offenbach, organisiert vom VDID, das ich moderieren durfte, zeichnete sich bereits im Vorfeld eine Richtung ab: Die Designausbildung solle sich wieder auf das Wesentliche besinnen. Während der Diskussion fiel aus dem Publikum ein wunderbarer Begriff: Renaissance des Menschen. Der gefiel mir auf Anhieb. Und auch in den anschließenden Panels „Design Practice“ und „Entrepreneur“ wurde dieser Gedanke auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und untermauert.
Resultat oder Designer*in?
Ein weiterer Kommentar blieb bei mir hängen: Wir (Designer*innen) wurden bisher an unseren Resultaten gemessen, heute an uns selbst. Hier bin ich kurz gestolpert. Denn wie wenig lässt sich ein Resultat von der Person trennen, die es hervorbringt? Zugleich musste ich an meine eigenen Erfahrungen als Frau in einem nach wie vor eher männlich dominierten Beruf denken. Wie oft ich mit Vorurteilen wie „Frauen können keine Technik“ konfrontiert war – Bewertungen, die herzlich wenig mit der Qualität meiner Ergebnisse zu tun hatten. Doch auch jenseits dieser persönlichen Erfahrung wurde deutlich: Es geht um mehr. Um eine Renaissance des Menschen.
Renaissance ist Design
Bei genauerer Betrachtung steckt genau diese Haltung bereits im Kern des Designberufs: Die Welt nicht einfach hinzunehmen, wie sie überliefert wurde, sondern sie zu hinterfragen, zu erforschen und schöpferisch neu zu gestalten. Zugegeben, im Design ist es zunächst nicht die ganze Welt, sondern eine Aufgabenstellung. Aber die Haltung dahinter ist dieselbe.
Auch den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ist keineswegs neu. Human Centered Design heißt das heute. Doch wird der Mensch dabei nicht allzu oft auf seine Rolle als Nutzer oder Konsument reduziert? Wo bleibt er als selbstständig denkendes, schöpferisches und urteilsfähiges Wesen? Wo bleiben Bildung, Individualität und persönliche Entfaltung? Der Mensch ist schließlich mehr als die Summe seiner Bedürfnisse und Nutzungsszenarien.
Was können wir also von der Renaissance für die Renaissance des Menschen lernen?
Die Wiederentdeckung der Antike, ihrer Philosophie, Kunst und Architektur, wurde damals zum Ausgangspunkt einer neuen Kultur des Denkens und Gestaltens. Sich diese Offenheit und Neugierde wieder zu eigen zu machen, wäre auch heute ein lohnendes Unterfangen.
Noch wichtiger erscheint mir der nächste Aspekt: Wissenschaft und Erkenntnis. Die Welt neu verstehen. Beobachten, experimentieren, Zusammenhänge erkennen und gewohnte Erklärungen hinterfragen. Eine spannende Herausforderung, die mir besonders nahe ist – war sie doch einer der wesentlichen Beweggründe für meine späte Dissertation. Mich interessiert, was wir von den Gestaltungsprinzipien der Natur lernen können, von ihren Entwicklungsprozessen, Formen und Wechselwirkungen. Es geht darum, Natur, Leben und Universum immer wieder neu zu begreifen.
Dabei sollten wir eines nicht vergessen: Die Natur ist größer als unser Denken. Heraklit brachte es bereits vor rund 2.500 Jahren auf den Punkt (und schon sind wir auf einer Rückbesinnung):
»Die Natur liebt es, sich zu verbergen.«
Ein kurzer Satz mit erstaunlicher Tiefe. Denn vielleicht liegt gerade darin eine wesentliche Aufgabe: nicht alles erklären, kontrollieren und beherrschen zu wollen, sondern genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu entdecken und sich von dem überraschen zu lassen, was unser bisheriges Wissen übersteigt. Die Natur ist eine großartige und geduldige Lehrmeisterin, deren schöpferische Intelligenz unsere Vorstellungskraft immer wieder herausfordert.
Ebenmaß
Auch ein weiterer Aspekt verdient eine heutige Renaissance: das Verständnis von Maß, Proportion und Harmonie. Die Auseinandersetzung mit geometrischen Ordnungen und dem Goldenen Schnitt könnte unserer visuellen Welt durchaus guttun. Design als Verbindung von Ästhetik, Mathematik, Naturbeobachtung und wissenschaftlicher Erkenntnis – eine Verbindung, die Grenzen sprengen könnte.
Und wie damals stehen auch wir heute vor technologischen Umbrüchen, die unsere Welt verändern. Heute ist es die künstliche Intelligenz. Entscheidend wird sein, wie wir damit umgehen. Designer*innen sind nicht bloß Anwender*innen neuer Technologien. Sie sind aufgerufen, deren Möglichkeiten und Konsequenzen zu hinterfragen und ihre Entwicklung mitzugestalten. Gestalter*innen ihrer Zeit eben.
Renaissance und Transformation
Das klingt alles ziemlich spannend. Viele dieser Aspekte sind längst Teil des Designberufs. Und doch: Ist es wirklich so einfach, eine Renaissance auszurufen?
Als ich auf der Rückfahrt gen Norden in der Bahn saß – übrigens ohne Stimme –, wurde mir klar: Diese Renaissance ist mehr als eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Sie verlangt zugleich eine Transformation des Menschen. Eine Transformation unseres Denkens, unseres Fühlens und unseres Handelns. Ein neues Verständnis von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Und damit weit mehr als ein menschenzentrierter Ansatz, der den Menschen zum Mittelpunkt eines bestehenden Systems macht. Es geht darum, das System selbst neu zu denken.
Technologie, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft brauchen eine andere Ausrichtung. Eine, die Leben ermöglicht, ja feiert, und die die Zukunft lebenswert und schön entfalten lässt. Dafür brauchen wir sowohl neue und als auch wiederentdeckte Strukturen, Werte und Handlungsweisen.
Die Renaissance des Menschen beginnt damit, dass er erkennt, dass er/sie nicht über der Natur steht. Dass seine Intelligenz nur ein Teil einer ungleich größeren schöpferischen Intelligenz ist. Und dass es noch viel zu entdecken gibt, wenn wir neugierig und lernend genauer hinsehen und zuhören.
Oder kürzer ausgedrückt, wenn der Mensch wieder lernt, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Transformation verändert, wie wir die Welt gestalten.
Eine Renaissance verändert, aus welchem Denken, welchem Menschenbild und welcher Haltung heraus wir sie gestalten.
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Ihre Dr. Sybs Bauer
