Der Ton macht die Musik

Der Ton macht die Musik

Die Kunst der Kommunikation

Das Sprichwort Der Ton macht die Musik wird wohl am häufigsten zitiert, wenn über Kommunikation gesprochen wird. So auch neulich, als nach verschiedenen Problemen in einer Projektgruppe die Lösung allein in der Kommunikation gesucht wurde. Es wurden „Regeln“ der Kommunikation festgelegt, wobei dieser Satz einen besonders wichtigen Platz einnahm. Gemeint war, dass es keine emotionalen Ausbrüche in der Kommunikation geben dürfe. Man solle lieber  freundlich unfreundlich sein.

Dieser Satz – der Ton macht die Musik – ließ mich aufhorchen. Eine kleine private Umfrage ergab, dass fast jeder und jede diesen Satz kennt und viel zu oft damit aufgewachsen ist. Weniger bekannt ist, dass sich der „Ton“ hier auf die nonverbale Kommunikation bezieht, einschließlich Tonhöhe, Lautstärke, Betonung, Gestik und Körpersprache, während die „Musik“ die gesamte Kommunikation meint.
Es ist an der Zeit, diesen Glaubenssatz in Frage zu stellen und die daraus resultierenden Gedanken mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen.

Der Ton macht die Musik – die Musik

Musik lebt von der Vielfalt der Töne. Von leisen und lauten, von sanften und heftigen, von langsamen und schnellen. Musik lebt von Harmonien ebenso wie von Disharmonien, von abrupten Unterbrechungen ebenso wie von langen Pausen. Denken Sie nur an die Unterschiede der Pauken und engelssanften Harfen. Das allein wäre schon Grund genug, den vermeintlichen Inhalt im Sinne der Musik wieder in den Kontext der Gesamtheit der Kommunikation zu stellen.

Der Ton macht die Musik – der Ton

Bleiben wir kurz bei den Klängen in der Musik. John Cage (1912-1992), einer der größten Komponisten der Neuen Musik, hat uns in seinem Stück 4:33 vorgespielt, dass jeder Ton Musik ist. Er hat in seinem Werk die Gleichwertigkeit der Töne offenbart. Kein Ton ist besser oder schlechter als ein anderer, egal wie er entstanden ist. Eine wunderbare Einstellung zum Sound. Übrigens, auch die Natur (siehe mein Buch formatio naturalis) handelt in ihrer Tiefe ohne Bewertung. Ergo: es gibt keine falschen Töne.

Klassifizierung

Zurück zur Kommunikation. Meist wird nur der Ton bewertet, weniger die anderen Aspekte der nonverbalen Kommunikation. In der Bewertung steht diese Redewendung grundsätzlich im Gegensatz zu der Herleitung von John Cage – und der Natur. Hier wird klassifiziert, was sein darf und was nicht. Völlig unberücksichtigt bleibt unsere, unterschiedliche und individuelle Wahrnehmung von Geräuschen. Nicht jeder Ton klingt für jeden gleich. Für den einen ist eine hohe Stimme schwer zu ertragen, für den anderen eine tiefe.  Ein schnelles, engagiertes Sprechen ist für den einen unangenehm, das langsam gedehnte für den anderen. Bleibt die Frage, wer interpretiert die nonverbale Kommunikation, den Ton? Der Sender oder der Empfänger? Hier kann auf die vier Ohren des Kommunikationspapstes Schultz von Thun verwiesen werden, oder noch besser, auf unsere täuschenden Sinnesorgane. Wir hören und sehen, was wir hören und sehen wollen. Bevor die Nachricht des Gehörten oder Gesehenen im Gehirn ankommt, wird sie aufgrund unserer Geschichte von uns selbst interpretiert. (siehe formatio naturalis, S. 108)

Passive und aktive Aggression

Ein Blick in die Psychologie zeigt ein ähnliches Äquivalent wie für den Ton von John Cage: Das Nicht-Aussprechen von Informationen oder Wut, also der klassische Rückzug, wird dem emotional-verbalen Ausbruch als passive Aggression gleichgestellt. Diese passive Form der Aggression ist zwar gesellschaftlich akzeptierter, aber nicht weniger schädlich. Denn die passive fordert die aktive Aggression hervor. Das wiederum bedeutet, dass unabhängig von der Tonlage jede Aggression eine Aggression ist, unabhängig ob es sich um Herabsetzungen, Unterstellungen, Manipulationen und/oder Bewertungen handelt. Eine freundliche Unfreundlichkeit oder der Glaube, ein ruhiger Umgangston allein sei kein Angriff oder frei von Aggression, ist daher ein Irrglaube.

Ursache und Wirkung

Der nächste Aspekt erscheint mir besonders wichtig, nämlich den Fokus auf die Herleitung des Gesagten oder Ungesagten. Denn die Phrase greift meist nur die Form an, ohne die Fakten zu berücksichtigen, die zur Eskalation geführt haben. Und agiert daher als eine perfekte Ablenkung vom eigentlichen Problem im Team und/oder den Fehlern im Projektablauf. Mit anderen Worten: Es wird über die Wirkung diskutiert, anstatt nach den Ursachen zu forschen. Ein emotional-verbaler Ausbruch macht das Vertuschen noch leichter, denn jetzt geht der Angriff in die Offensive, der Ton macht die Musik. Die Ursachen werden verschüttet, aber nicht beseitigt.
Das passt übrigens gut zu aktuellen Umfragen, die aufzeigen, dass über 80 Prozent der Führungskräfte in Unternehmen eigene Fehler systematisch unter den Teppich kehren, um ihre eigenen Karrierechancen nicht zu gefährden.

Lösung statt Spaltung

Die Aussage Der Ton macht die Musik ist also eine oberflächliche und reduzierte Betrachtung der Gesamtproblematik, die mit einem streng bewertenden Finger in eine Richtung zeigt. Die Folge ist nicht die erwünschte Verbesserung, sondern eine Spaltung in die freundlich Unfreundlichen, also die vermeintlich Netten, Ruhigen und angeblich Unschuldigen, und die, bei denen reagierend der Ton die Musik macht, die direkt oder indirekt aufgefordert werden, sich zu ändern. Ob direkt oder indirekt, freundlich oder unfreundlich geäußert, Spaltung im Team ist immer kontraproduktiv.

Selbstverantwortung

Die Eigenverantwortung der einzelnen Teammitglieder wird dabei vollständig ausgeklammert. Sie ist aber eine Grundvoraussetzung für einen fruchtbaren Dialog und für den Erfolg eines Teams. Die Ursachen, die zu Unstimmigkeiten im Team geführt haben, sollten untersucht werden, wenn das Team wieder zusammenfinden soll. Die Denkweise, dass der Ton mache die Musik, ist hierbei nicht hilfreich, sondern eher schädlich.

communicare

Wer also wirklich Kommunikation gestalten will, also im Sinne des ursprünglichen communicare, verbinden, der möge bitte in Zukunft auf diesen Satz verzichten und eigenverantwortlich sein Verhalten, seine Worte (auch die freundlich Unfreundlichen), seine Gedanken und Gefühle hinterfragen und die Gesamtsituation betrachten. Hilfreich ist es, die Ursachenforschung mit Spaß und Humor zu würzen und eine neue Fehlerkultur einzuführen. Denn meist sind es kleine Verhaltensaspekte, Unachtsamkeiten, Interpretationen, Vorurteile und/oder Missverständnisse, die besprochen und aufgelöst zu einem gegenseitigen Verständnis führen, das übrigens jedes Regelwerk überflüssig macht. Denn Verständnis ist eine wichtigste Grundlage für Verbundenheit – im beruflichen wie im privaten Umfeld.

Nachhaltige Transformation

Wer tiefer gehen und nachhaltig etwas verändern will, ist gut beraten, in die menschliche Psyche und in transformative Kommunikation einzutauchen. Führungskräfte sind hier besonders gefordert. Dazu gehört der offene und ehrliche Umgang mit Gefühlen in der Gesamtsituation. Eigentlich weiß es jeder, aber hier sei es noch einmal erwähnt: Wer sich angegriffen, übergangen, nicht gehört, missverstanden fühlt – die Liste ist lang – wird entweder sich innerlich zurückziehen, also passiv aggressiv agieren, mit dem Ton in der Musik rebellieren oder das Team verlassen. Wie auch immer die Reaktion ausfällt, ob freundlich oder emotional eskalierend, das gesamte Team und das Projekt sind immer betroffen – auch wenn es zunächst nicht so scheint.

Erfolgreiche Kommunikation basiert immer auf offener Gleichwertigkeit, Ehrlichkeit, einer Portion Neugier auf den anderen und dem Engagement für ein gemeinsames Ziel. In einem guten Team kann sich jeder auf den anderen verlassen. Die Fokussierung liegt hier weniger auf den Schwächen, sondern vielmehr auf den Stärken der jeweiligen Teamteilnehmer*innen.

 

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