bauhaus 4.0

Der Deutsche Designtag lud gestern anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des bauhauses zur Diskussion. Das bauhaus, heute weltweit bekannt, damals umstritten, bekämpft und aus politischen Gründen geschlossen, ist aktueller denn je (Die Zukunft ist jetzt). Doch was bedeutet das bauhaus für das Design und uns Designer*innen heute für die Zukunft?

In einem kurzen Überblick über das bauhaus zitiert Ulrich Müller den Gründer, Walter Gropius: „das ziel des bauhauses ist eben kein ›stil‹, kein system, dogma oder kanon, kein rezept und keine mode! es wird lebendig sein, solange es nicht an der form hängt, sondern hinter der wandelbaren form das fluidum des lebens selbst sucht!“ Wie weitreichend der Gedanke für Gropius war, wird deutlicher in seiner Gründungsrede 1919 und wird hier als Ergänzung zum Verständnis eingefügt: „… bis sich aus den einzelnen Gruppen wieder eine allgemeine große, tragende, geistig-religiöse Idee verdichtet, die in einem großen Gesamtkunstwerk schließlich ihren kristallischen Ausdruck finden muß. Und dieses große Kunstwerk der Gesamtheit, diese Kathedrale der Zukunft, wird dann mit seiner Lichtfülle bis in die kleinsten Dinge des täglichen Lebens hineinstrahlen. … Wir werden das nicht mehr erleben, aber wir sind, das glaube ich ganz fest, die Vorläufer und ersten Werkzeuge eines solchen neuen Weltgedankens.“

Der Moderator Boris Kochan überraschte die Podiumsteilnehmer*innen und Gäste mit Eingangsfragen zu der aktuellen Europawahl. Die kommunikative Diskrepanz der neuen Medien und der alten Strukturen wurde über die Videos auf Social Media und den Politiker-Antworten als pdf mehr als deutlich. Ein Graben zwischen Jung und Alt? Zumindest ein klarer Kommunikationsfehler von Seiten der Politik. Das stimmte nachdenklich. Johannes Erler forderte ein (wieder) Pause-machen, ein (wieder) Nachdenken bevor geantwortet wird. Gefolgt von Claudia Fischer-Appels Ansinnen, den Verzicht zu gestalten und das Recht-haben abzulegen. Nicht als Abwendung von Streit und unterschiedlichen Meinungen, sondern als neue (alte), aber humane, Streitkultur. Den humanistischen Gedanken in die Welt zu tragen, kann – im Kontext der Weltpolitik – als deutsche und europäische Aufgabe verstanden werden. Für Matthias Schrader eine Mammutaufgabe in der radikalen Transparenz und der totalen Vernetzung. Wie das gehen soll? Nur so viel ist klar, es ist ein Gestalten mit der Maschine, dem Computer, und nicht gegen diesen.

Daraus resultiert eine Gestaltung der Vermittlung von Wissen und Information, von Prozessen und Systemen, als ein „life layouting“ für den change. Claudia Fischer-Appelt stellt die konkrete Aufgabe, das „wir“ zu gestalten. Hier, in der Gestaltung des Zusammenlebens für eine humane Zukunft, so meine Meinung, nehmen wir das Erbe vom bauhaus an. Aber ohne Dilemmata geht es im Design leider nicht: die Gestaltung von Kommunikationsprozessen geht nicht mal eben so, wie manches YouTube-Video vorgaukelt. Schnelligkeit ohne Inhalt kann und darf weder Ziel noch Weg sein. Die digitale Welt will human genutzt werden, also müsste ein Plädoyer für die Verlangsamung der digitalen Welt folgen – und darüber hinaus. Ein Verzicht der Schnelligkeit zu Gunsten des Inhaltes.

Für die Designbranche liegt hier eine ganz andere Herausforderung: die Positionierung von Design selbst. Designer*innen sind Partner auf Augenhöhe, Unternehmensberater und weit entfernt von reinen Dienstleistern. Wie sehr das zutrifft bringt Boris Kochan auf den Punkt: „Der Kunde ist am allermeisten enttäuscht, wenn wir machen, was er will.“ Bedarf es einer Kompetenz vom Kunden? Die Antwort von Claudia Fischer-Appelts: „Es reicht blindes Vertrauen.“ Beides bestätige ich aus Erfahrung sofort. Die Möglichkeiten, die Design bietet, wissen die Firmen, die es nutzen. Wie erreichen wir andere, bezugnehmend auf das Eingangsthema, z. B. die Parteien?

Eine kurze Bemerkung am Schluss, die Ästhetik ändere sich, blieb bei mir hängen. Sie werde „rauer, bodenständiger – nicht mehr schön“. Das kann ich nicht so stehen lassen: eine Ästhetik, die nicht mehr schön ist, ist keine Ästhetik. Das „nicht-mehr-schön“ sehe ich als Trend, als Gegenbewegung auf den übertriebenen Hochglanz und oft auch als Unfähigkeit. Die natürliche Ästhetik, die natürliche Schönheit, wird davon nicht betroffen sein. Der Mensch kann sich dieser nicht entziehen – selbst wenn er es wollte. In der Natur liegt ein universelles Schönheitsempfinden. Übrigens, auch sehr gut gelehrt und eingesetzt im bauhaus. Die formale Basis in der Natur, der goldene Schnitt, findet man in allen Gropius-Werken. Die Natur ist eine ästhetische Beständigkeit in unserer Unbeständigkeit.

Fazit: es war ein spannender Abend mit vielen Fragen, Anregungen und Zweifeln. Ganz im Sinne der Kreativen – damals wie heute. Was bleibt?
Eine „tollkühne Lust am Gelingen“

 

Weitere Informationen:
acht Dinge, die Sie über das bauhaus wissen sollten
bauhaus 4.0

von li nach re: Boris Kochan, Moderation, Johannes Erler, Claudia Fischer-Appelt, Matthias Schrader, Ulrich Müller
Text: Sybs Bauer