Designausbildung der zukunft

Designausbildung der Zukunft

Vom Gestalten von Dingen zum Gestalten von Möglichkeiten

Die Designausbildung steht an einem Wendepunkt. Und diesmal geht es nicht einfach um ein weiteres digitales Werkzeug, das seinen Weg in die Hochschulen findet. CAD hat das Zeichenbrett verändert, digitale Bildwelten haben das Rendering verändert, das Internet hat Recherche und Kommunikation verändert und generative KI verändert gerade Teile des Entwurfsprozesses. Doch hinter all diesen technologischen Veränderungen liegt eine viel grundlegendere Frage: Was muss ein Mensch künftig überhaupt noch lernen, um Designerin oder Designer zu werden?

Startpunkt der Designausbildung der Zukunft

Wenn Maschinen Bilder erzeugen, Varianten entwickeln, Texte formulieren, recherchieren und innerhalb weniger Sekunden Lösungen hervorbringen können, liegt die entscheidende Kompetenz dann darin, zu erkennen, welche Form überhaupt relevant ist, welches Problem tatsächlich gelöst werden sollte und welche Frage hinter der vermeintlichen Aufgabe steckt – und die Auswirkungen der möglichen Entscheidungen.

Der aktuelle Diskurs über Zukunftskompetenzen bestätigt diese Entwicklung. So führt der World Economic Forum Future of Jobs Report 2025 Kreativität unter den zentralen Kernkompetenzen der kommenden Jahre. Gleichzeitig gewinnen analytisches Denken, Neugier, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz und systemisches Denken an Bedeutung. Das ist für die Designausbildung eine bemerkenswerte Nachricht, denn diese Fähigkeiten gehören seit jeher zum eigentlichen Kern des Entwerfens.
Gute Gestaltung beginnt mit Wahrnehmung. Sie entsteht aus Beobachtung, Neugier, dem Wechsel der Perspektive, dem Verknüpfen scheinbar unverbundener Dinge, Fragen zu stellen und zu hinterfragen, und der Fähigkeit, eine Idee so lange weiterzuentwickeln, bis aus einer Möglichkeit eine überzeugende Lösung wird.

Trotzdem hat sich Designausbildung über die Jahre immer stärker in einzelne Kompetenzen und Methoden zerlegt. Entwurf, CAD, Modellbau, Materialkunde, Typografie, Ergonomie, Rendering, UX/CJ, Service Design, Social Design etc.. Alles sinnvoll, alles notwendig. Doch die Summe dieser Fähigkeiten macht noch keinen Designer. Ein perfekt konstruiertes Produkt ist noch keine gute Gestaltung. Ein beeindruckendes Rendering ist noch keine Idee. Und ein formal überzeugender Entwurf oder Konzept kann trotzdem die falsche Antwort auf die falsche Frage sein.

Wird Industrial Design überflüssig?

Industrial Design wird deshalb keineswegs überflüssig. Im Gegenteil. Je digitaler unsere Entwurfswelt wird, desto wichtiger wird die unmittelbare Erfahrung mit der physischen Realität. Ein Produkt besitzt Gewicht, Temperatur, Widerstand, Geräusch und Haptik. Es wird benutzt, berührt, repariert, verändert, geliebt, ignoriert und irgendwann entsorgt. Der starke Fokus auf die digitale Welt, lässt uns leicht den Kontakt zu dieser Realität verlieren.

Deshalb gehört für mich das unmittelbare Arbeiten mit Material weiterhin ins Zentrum einer guten Designausbildung. Zeichnen, bauen, ausprobieren, zerlegen, wieder zusammensetzen. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil Denken und Wahrnehmen über den Körper miteinander verbunden sind. Wer Material versteht, denkt anders über Form. Wer Konstruktion versteht, entwickelt andere Lösungen. Wer einen Gegenstand tatsächlich in der Hand hält, sieht etwas anderes als jemand, der ihn nur auf einem Bildschirm betrachtet. Und doch reicht das nicht aus.

Veränderung

Gleichzeitig verändert KI die Bedingungen des Entwerfens grundlegend. Die Frage lautet deshalb auch nicht mehr, ob Designerinnen und Designer KI benutzen sollen. Sie werden es tun. Die entscheidende Frage ist, wie. Generative Systeme erzeugen innerhalb kürzester Zeit eine kaum überschaubare Zahl von Varianten. Darin liegt ihre enorme Stärke. Aber genau darin liegt auch ihr Nachteil: denn Quantität ist nicht Qualität. Daher besteht die Herausforderung heute schon darin, die Grundidee zu liefern und die bestmögliche Wahl zu erkennen, kritisch zu beurteilen, zu integrieren und in einen gestalterischen Zusammenhang zu bringen. Die Designerin wird zum Dirigenten innerhalb eines zunehmend komplexen Systems. Damit die Bedeutung von Dingen und unserem Handeln wieder an der richtigen, nämlich der wichtigsten, Position steht.

Daraus folgt, dass die entscheidende Zukunftskompetenz des Designers die Ideenfindung und die ästhetische Urteilskraft sein wird. Die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, Qualität zu erkennen, Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit zu beachten – und eine Entscheidung zu treffen, was wiederum bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Das klingt zunächst unspektakulär. Tatsächlich ist es eine der anspruchsvollsten kreativen Leistungen überhaupt.

Design braucht Welt

Designausbildung braucht mehr als Design. Sie braucht Welt. Wer Produkte für Menschen gestaltet, muss Menschen verstehen. Wer für eine alternde Gesellschaft gestaltet, muss gesellschaftliche Veränderungen verstehen. Wer nachhaltige Produkte entwickeln will, muss die Natur verstehen, also Materialien, Ressourcen und ökologische Zusammenhänge. Wer für Unternehmen gestaltet, muss wirtschaftliche Systeme und Organisationskulturen verstehen. Wer mit KI arbeitet, muss Technologie nicht nur bedienen, sondern ihre Voraussetzungen, Grenzen und Auswirkungen – auch die unangenehmen – begreifen.

Die Grenzen zwischen den Disziplinen werden deshalb durchlässiger werden. Bleibt die Frage, ob die Hochschule der Zukunft eine Beziehungsuniversität sein sollte, an dem unterschiedliche Wissenswelten miteinander kooperieren. Design, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften, Psychologie, Ökonomie, Kunst, Forschung und Technologie gehören im realen Leben längst zusammen. Warum sollten wir sie in der Ausbildung weiterhin so strikt voneinander trennen?

Hier kann auf der Industrial Designers Society of America verwiesen werden, die Industrial Design explizit im Kontext von STEM positionieren will. Damit wäre Industrial Design ein Teil naturwissenschaftlich-technischer Bildung. Allerdings ist das nur die Öffnung in eine Richtung, und mir nicht weitreichend genug.

Rückkehr zur Kreativität

Kreativität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Mut, Offenheit, Neugier und Möglichkeiten. Gerade deshalb müssen Hochschulen Freiräume schaffen, in denen Studierende experimentieren, scheitern und die unperfekte Lösung liefern können. Eine Ausbildung, die nur auf Effizienz und Ergebnis optimiert ist, womöglich noch aus der auftraggebenden Industrie, produziert irgendwann effiziente Ergebnisse für heute. Sie produziert jedoch keine neuen Gedanken. Es geht um die Freiheit voller Großzügigkeit, weil damit Chancen entstehen, Freiheit als innere Haltung und die Freiheit sich von Normen im Denken zu verabschieden.

Das verändert auch die Rolle der Lehrenden. Wissen und Information ist überall verfügbar. Die veränderte Aufgabe liegt darin, Wahrnehmung zu schärfen, Fragen zu stellen, Denkprozesse anzustoßen, Widerspruch auszuhalten und junge Menschen dabei zu unterstützen, eine eigene gestalterische Haltung zu entwickeln. Lehre wird damit zu dem was sie eigentlich schon immer sein sollte: Bildung. Eine Begleitung auf dem Weg der individuellen Entfaltung der Studierenden. Eine Begleitung, die erlaubt, die Frage einfach noch einmal neu zu stellen.

Denn mit der neuen Rolle, wird von Designerinnen und Designer erwartet, dass sie Möglichkeiten erkennen und Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, zwischen Technologie und Gesellschaft, zwischen Unternehmen und ihrer Umwelt gestalten, ob es sich um Verhalten, Erfahrungen oder Systeme handelt. Möglichkeiten, wie Zukunft aussehen und sich anfühlen kann, zu gestalten.

Neue Position – große Verantwortung

Um diese neue Rolle einzunehmen, braucht Design – und die Designausbildung – mehr Haltung. Nichts ist wirklich neutral. Immer liegen Entscheidungen vor uns, beeinflusst durch wirtschaftliche, politische und technische Bedingungen – und was meist vergessen wird, beeinflusst von der individuellen Geschichte, Erfahrung und Konditionierung der Entscheidenden.

Ich glaube deshalb, dass die Designer:innen der Zukunft Komplexität verstehen können müssen, ohne sich von ihr überwältigen zu lassen. Sie müssen reduzieren können, ohne zu vereinfachen. Sie müssen sich sicher in der Unsicherheit fühlen. Sie müssen offen bleiben für Möglichkeiten und gleichzeitig entscheiden können, welche davon Bedeutung und Sinn ergeben. Sie werden noch stärker Grenzgänger sein, als heute schon. Noch stärker Brückenbauer zwischen Disziplinen – und großartige „Animateure“ für Kreativität.

Vom Design von Produkten zur Gestaltung von Möglichkeiten.

Die menschliche Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, das noch nicht existiert und zu reflektieren, welche Wirkungen damit erzeugt werden, ist das wertvollste Gut. Kreativität als strategische Haltung wird daher zu einer grundlegenden Kultur. Wir brauchen Menschen, die sehen, was andere übersehen. Die Fragen stellen, wo andere bereits Antworten haben. Die Zusammenhänge erkennen, wo andere nur Einzelteile sehen. Und die den Mut besitzen, aus einer Möglichkeit eine konkrete Zukunft zu gestalten – und, die Widerstände ebenso lieben wie Beifall.

Wie das geht? Mit der Natürliche Intelligenz, die uns allen eigen ist. Sie kann unser Wegweiser und Partner sein – und schenkt uns eine tiefe Zuversicht!

»Wissen ist die Basis. Freiheit die Kunst.«

Dr. Sybs Bauer

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