Happy New Year!
Ich Ihnen – und uns allen – ein gesundes, friedliches, ja auch humorvolles Jahr 2026!
Voller Zuversicht möchte man das neue Jahr begrüßen – und dann erschrecken die neuesten Nachrichten. Für mich ist das eine besondere Betroffenheit, war Venezuela doch für einige Jahre meine Wahlheimat. Ein wunderbares Land, voller prächtiger Natur mit einer reichen Erde – ja, auch reich an Bodenschätzen.
Bitte erlauben Sie mir daher, das Jahr mit einem Rückblick auf meine Zeit in Venezuela, zu beginnen.
Der Anfang
Als Hugo Chávez am 15. Dezember 1999 durch eine Wahl die Veränderung der Verfassung herbeiführte – als Präsident konnte er damit den Kongress außer Kraft setzen, tauchte El Niño das Land und die Wahlmaschinen unter Wasser. Menschen kämpften um Hab und Gut. Um ihr Überleben – und nein, sie gingen nicht zur Wahl. Und doch wurde diese Wahl mit einer ähnlichen Wahlbeteiligung und ähnlichem Ergebnis wie bereits bei seiner demokratischen Wahl zum Präsidenten sechs Monate zuvor als „gewonnen“ verkündigt.
Der Oberbefehlshaber des Militärs – es war niemand geringeres als der Präsident Hugo Chavez selbst – hatte am Wahltag über eine TV- Ansprache den Streitkräften verboten, den Menschen zu helfen (selbst gehört und gesehen), sie seien ausschliesslich für die Wahl zuständig. Die Regenfälle hörten nicht auf und der Sonnenaufgang am nächsten Tag versetzte das Land in einen Schock: eine unbegreifliche Zerstörung wütete in der Nacht. Das Wasser suchte sich seinen Weg und nahm mit, was im Wege stand. Die Steilküste der Ausläufer der Anden, der Hausberg Avila, hatte sich in Richtung Karibisches Meer um etwa einen halben Kilometer erweitert. Bereits private Motocrossfahrer*innen und freiwillige Helfer*innen bargen Menschen aus den Trümmern, brachten Wasser und sammelten Hilfsgüter.
Häuser standen bis zum dritten Stock im schon festen Schlamm, ganze Dörfer lagen unter Muränen begraben, Menschen suchten verzweifelt nach Überlebenden. Gleichzeitig kam es zu Vergewaltigungen, Plünderungen und Gewalt. Hilfe und Solidarität standen Apathie und Anarchie gegenüber.
Der Präsident Hugo Chavez feierte derweil mit Fidel Castro seinen Wahlsieg auf seiner Militärinsel. Er selbst kam erst gegen 17:00 Uhr betrunken (Zitat eines damaligen Botschafters) wieder auf’s Festland.
Wie stimmte Wahlergebnis mit den Herausforderungen der Menschen zusammen? Wäre das nicht damals die richtige Frage gewesen? Hätte man nicht auf eine Wiederholung der Wahl pochen müssen?
El Niño
Die extrem starken Regenfälle, El Niño, kostete rund 80.000 Menschen das Leben, etwa 400.000 verloren ihr Zuhause (damals veröffentlichte Zahlen). Jeder suchte jemanden und bangte um das Überleben von Familie und Freunden. Technische Hilfe aus den USA – Schwermaschinen zur Beseitigung der riesigen Felsbrocken, die ganze Dörfer unter sich begruben – waren schon auf hoher See. Chávez lehnte sie ab: amerikanisches Militär käme nicht auf seinen venezolanischen Boden.
Die zunehmende Korruption verstärkte sich direkt nach Chávez’ Päsidentschaftswahl, wie u.a. das 14-tägige Aussetzen der Einfuhrsteuer für Luxusyachten. In der Mercedes-Niederlassung staunte man, als fünf große S-Klasse-Fahrzeuge bar aus Koffern bezahlt wurden. Auch der Wechsel der Führungsebene bei PDVSA, der staatlichen Ölgesellschaft – die vor Chávez als eines der bestgeführten Ölunternehmen weltweit galt – durch militärische Einheiten. Unmittelbar noch in der Naturkatastrophe startete die Zensur, Redakteure verabschiedeten sich öffentlich.
Von der Demokratie zur Diktatur
Nicht sehr verwunderlich entmachtete Hugo Chavez den Kongress. Natürlich wurde auch enteignet, in den Häfen ebenso wie in der Ölindustrie. Die Situation verschärfte sich und dem Volk ging es zunehmend schlechter. Wer konnte verließ das Land. Das venezolanische Volk versuchte alles, Chávez auf demokratischem Weg aus der Macht zu heben – ohne Erfolg. Dazu gehörte unter anderem ein zweieinhalbmonatiger Generalstreik. Als er krank wurde, bestimmte er den Busfahrer Nicolás Maduro zu seinem Nachfolger, der durch eine fragwürdige Wahl tatsächlich an die Macht kam – und blieb.
Der Philosoph Odo Marquardt erläuterte einst „Zukunft braucht Herkunft“. In vielen Markenunternehmen ist das gelebte Praxis. Daher wünsche ich uns allen, den Blick zurück gepaart mit dem Blick in Utopien, um daraus Hoffnung zu nähren, dass Frieden, Würde und Menschlichkeit siegen.
Ich wünsche uns allen, dass wir im Jahr des Feuerpferdes neue Wege finden und Altes hinter uns lassen.
Ich lebte und arbeitete von 1996-2000 in Venezuela, Caracas, u.a. lehrte ich als Professorin am Instituto Prodiseño Caracas, arbeitete für die Deutsche Botschaft Caracas, Deutsch-venezolanische Handelskammer und für das Goethe Institut Caracas/Asociacion Humboldt.
Image: die Nationalblume Venezuelas: Cattleya mossiae, 1840, unbekannt
