02:30 Uhr — Freundschaft kennt keine Gnade
Meine Basler Freundin „zwang“ mich, um 02:30 Uhr aufzustehen — angeblich eine einmalige Chance, den Auftakt der Basler Fasnacht (ohne t, wohlgemerkt!) mit dem „Morgestraich“ live zu erleben.
Warum Basel später feiert
Die erste Besonderheit, die mir auffiel: In Basel feiert man Fasnacht eine Woche später als der Rest der Welt. Der Grund ist durchaus bemerkenswert. Einst war dies das letzte große Fest vor der 40-tägigen Fastenzeit bis Ostersonntag — im Mittelalter bekanntlich kein freiwilliger Wellness-Trend, sondern Pflichtprogramm.
Im Jahr 1091 wurde das Regelwerk gelockert: Sonntage durften fortan fastenfrei bleiben. Das Resultat? Der Beginn der Fastenzeit verschob sich um sechs Tage — unser heutiger Aschermittwoch war geboren. Doch nicht alle waren von dieser „Pfaffenfasnacht“ begeistert. Also trennten sich die Wege: Die Bauern hielten am ursprünglichen Termin fest, woraus die „Bauernfasnacht“ entstand — jene Tradition, die in Basel bis heute gefeiert wird und seit 2017 sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.
04:00 Uhr — Wenn in Basel das Licht ausgeht
Mit dem ersten Glockenschlag, punkt 04:00 Uhr am Montagmorgen, geschieht etwas fast Magisches: Die Lichter der Stadt erlöschen, Menschenmassen verstummen augenblicklich — und zwar wirklich still, kein Husten, kein Rascheln, nicht einmal ein nervöses Räuspern. Der „Vortrab“ ruft: „Morgestraich — vorwärts, marsch!“
Dann setzen die ersten Paukenschläge ein, begleitet von einer Musik, die es nur in dieser Nacht gibt: den „Pfyffer“ mit ihren Piccoloflöten und den „Tambouren“ an den Trommeln.
Masken, Laternen und bissige Satire
Alle Aktiven tragen kunstvolle „Larven“ (Masken), oft ergänzt durch leuchtende Kopflaternen. Dazu kommen die prächtig bemalten „Lampen“ — große Laternen, die Farbe ins Dunkel bringen und mit bissiger Satire sowohl lokale als auch globale Themen aufs Korn nehmen.
Groß und Klein sind dabei, doch Masken sind ausschließlich den Aktiven vorbehalten — Zuschauer bleiben im wahrsten Sinne des Wortes „Gesicht zeigend“.
Geordnetes Chaos auf Schweizer Art
Ein faszinierendes Ritual im Dunkeln: Die „Cliquen“, also die Fasnachtsvereine, ziehen nicht in einem großen gemeinsamen Zug durch die Straßen. Nein — sie begegnen sich zufällig, tauchen auf, verschwinden wieder, mal hier, mal dort. Ein orchestriertes Chaos mit Schweizer Präzision.
Auch die obligatorische Mehlsuppe darf nicht fehlen — traditionsreich, sättigend, aber sagen wir diplomatisch: kein kulinarisches Feuerwerk.
Gedrängte Menschenmengen, friedliche Stimmung, keine Alkoholleichen, kein Müll — typisch Schweiz eben.
72 Stunden Ausnahmezustand
Und die Besonderheiten hören hier noch nicht auf: Die Basler Fasnacht dauert exakt 72 Stunden — bis Donnerstag um 04:00 Uhr.
Nur ich war da längst wieder zurück in Hamburg, in einer Stadt, in der die Fasnacht nie so richtig Fuß gefasst hat.
