Schönheit – meine Leidenschaft (I)

Über „Schönheit” zu lesen, assoziiert bei manch geneigten Leserinnen und Lesern unweigerlich Bilder von topaktuellen Kosmetik-Trends, High-Heels und dem letzten Modeschrei – der, schnelllebig, wie er nun mal ist, zwischen Schreiben, Drucken und Lesen schon wieder zum vorletzten mutierte – von einer wirklich funktionierender Diät und schönheits-chirurgischen Tipps für die zu groß geratene Nase oder der zu kleinen Brust. Nicht ausgesprochen, doch immer dabei, die verdrängten Bilder der eigenen Unzulänglichkeiten, nicht im großen Wettbewerb der Schönheit teilzuhaben oder gewinnen zu können. Verharren wir und betrachten wir die eigenen Bilder, fällt es wie Schuppen von den Augen: hier wird die Schönheit reduziert auf das Äußere, reduziert auf Käufliches und Veränderbares an der eigenen äußeren Umhüllung. Und, ebenfalls unausgesprochen doch latent präsent, meldet sich der Wettstreit, ganz wie bei Schneewittchens Stiefmutter: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?”

Wird hier nicht, ähnlich dem Akt der Eris, Göttin der Zwietracht, die gekränkt, da nicht eingeladen zu Peleus und Nymphe Thetis Hochzeit, einen Apfel mit der Aufschrift “Für die Schönste” unter den weiblichen Teil der Gesellschaft gerollt? Diesen Apfel hob vor ca. 3000 Jahren der Pechvogel Paris auf, nicht wissend, wem dieser nun zu überreichen sei. Er wurde umgarnt mit den Eitelkeiten der Göttinnen: Hera versprach ihm Macht, Athene Weisheit und Aphrodite Liebe …

Bekannt, beliebt und umstritten auch die neuzeitliche “Göttin”. 7fach (Quelle: Vox, Süddeutscher TV) soll sie durchschnittlich in jedem Mädchenzimmer als Vorbild dienen: die Gottheit Barbie ist gemeint. Weniger bekannt ist allerdings der Wettstreit um ihre Existenz. Denn, ursprünglich karikiert von Reinhard Beuthin in BILD-Comic Anfang der 50ger, wurde sie als “Bild-Lilli” 1955 der Firma Hausser auf den deutschen Markt gebracht. Amerika war weit weg. Aus Comic wurde Mattel. Schade nur, sie blieb bis heute eine Comicfigur: Zumindest bestätigen Wissenschaftler, dass mit ihren Körpermaßen keine Frau lebensfähig wäre, da in ihrem Unterleib für die lebensnotwendigen Organe kein Platz zu finden sei. Und so erzählt sie – ohne Innenleben – von den Gottheiten der Oberflächlichkeit, von Make Up, Frisuren und Modetrends. Modern ist Barbie nur in ihren vielfältigen Berufen, in ihrer Lebenseinstellung ohne Trauschein – wobei sie seit 2005 liiert ist – und wie viele ihre Altersgenossinnen ohne Kinder.

Mit voll funktionierendem Innereien, daher etwas rundlicher und auch weicher, stehen ganz normale Frauen als Werbeträgerinnen der Marke „Dove“. Wie die Möwe Jonathan, fliegt Dove über sich selbst hinaus in einen Himmel der absoluten Traum-Umsatzzahlen mit der Erlaubnis eines down-to-earth Engagement gegen Bulimie und Schönheitswahn.

Schönheit ist ein weites Feld.

Für mich als Designerin ist “schön” das allergrößte Lob. Wenn die Bewunderung für meine Arbeiten schlicht und ohne weitere verbale Verstümmelung als “einfach schön” formuliert wird. Und gerade bei dieser Formulierung liegt eine Freude in den Augen der Betrachterin und/oder des Betrachters und immer ein Funken ungläubiger und neugierigen Frage, wie (er-) schaffst du sowas? Dann, und nur dann strahle ich selbst zutiefst glücklich, und ich weiß, mit meiner Gestaltung eine andere Seele berührt zu haben.

Hier sind leise Töne an der Macht: unsichtbares und doch erkennbares, unaussprechliches und doch erlebbares. Und genau hier liegt sie meine Leidenschaft. Ungreifbar und doch immer präsent: Schönheit.

“Denn Schönheit ist kein Ding, sondern eine besondere Weise des Sehens.” brachte es der Jesuitenpater Antonio de Mello auf den Punkt und der durch seine komische Lyrik bekannte Schriftsteller Christian Morgenstern „Alles, was man mit Liebe betrachtet, ist schön.”

Ich erlaube mir hierzu eine Ergänzung: alles was mit Liebe gemacht ist, ist schön, und wird auch als schön erkannt. Schönheit erkennt Schönheit. Liebe erkennt Liebe.­­­­

Übrigens, Paris “erkaufte” sich die schöne Helena, indem er den Apfel der Aphrodite überreichte. Und voller Ungeduld entführte er Helena vor seiner Zeit und entfachte damit den trojanischen Krieg …

Muss es erwähnt werden, dass die abgewiesenen Göttinnen mit all ihrer Macht auf seiner Gegenseite standen?

Text: © Sybs Bauer 2007; Zeichnung:  © Sybs Bauer 2018