Design und Advent?

Zugegeben, das klingt erstmal eigenartig. Und doch ähnelt das Gestalten der Adventszeit: Ein Warten und Erwarten auf das Licht der Erkenntnis. Eine Ahnung, dass es besser wird und eine Verdichtung auf einen zeitlichen Rahmen. So könnte man die tiefe innere Versunkenheit im Gestalten beschreiben. Natürlich reicht diese alleine nicht aus. Eine ordentliche Portion Arbeit gehört auch dazu, sprich Recherche, eine tiefe Beschäftigung mit dem Thema und der Aufgabenstellung bei gleichzeitigem Blick über den Tellerrand als notwendige Vorarbeiten, ebenso wie die anschließende Ausarbeitung im Kontext der Realisierbarkeit.

Diese Versunkenheit für das Licht der Idee ist Grundlage aller Innovationen und Designleistungen. Sie ist theoretisch jedem Menschen möglich, praktisch leider weniger. Kreativität wird uns durch den extremen Leistungsdenken eher ab- statt anerzogen.

Kein Wunder, ist Kreativität für viele nicht wirklich fassbar. Erfolgreiche Resultate haben zwar schnell viele Väter – fast keine Mütter – was die kreative Leistung noch mehr verwässert. Kreative Menschen gelten als irgendwie komisch, empfindlich und sensibel. Aktuelle Forschungen beweisen das, jedoch anders als erwartet. Sie zeigen auf, dass Kreative eine extreme Offenheit im Gehirn vorweisen und sich von allem, was in ihrem direkten Umfeld passiert stören lassen. Die Forscher (1) bezeichnet daher die Kreativen als „Gestörte“ im Gegensatz zu den normalen Menschen, bei denen eine latente Hemmung im Gehirn gefunden wurde, und die sich nicht ablenken lassen von äußeren Faktoren, genannt die „Gehemmten“. Kreative spüren also weit mehr – auch das Negative – was im Umfeld passiert und werden gerade dadurch von den Gehemmten gerne belächeln, bekämpft und als Gestörte (in einem völlig anderen Sinne) abfällig betitelt.

Für unsere leistungsorientierte Wirtschaft ist das ein Dilemma. Denn in Führungsetagen sitzen meist die Gehemmten, die nach wie vor in längst überholten militärischen Hierarchien leben, zahlenfokusiert von oben nach unten von ihren Mitarbeiter*innen die notwendigen Innovationen, also deren Kreativität, einfordern, aber wenig verstehen, wie diese gefördert werden kann. Mit anderen Worten, sie fordern Gestörte und fördern Gehemmte.

Der Ruf der Industrie nach mehr Innovation ist ein Ruf nach mehr Gestörten. Wer Innovationen will, muss die Grundlagen für kreatives Arbeiten in seinem Unternehmen integrieren und dringend Führungsstile und Unternehmenskulturen überarbeiten. Wie wichtig das Thema ist, zeigt die Ausarbeitung „Officina Humana“ des Arbeiter Samariter Bundes. Die trendigen Open Space Offices sind übrigens die perfekte Förderung der Gehemmten.

Die Herausforderung für 2019: creative cultural change.
Wir sind dabei!

 

(1) Studie der Neurowissenschaftlerin und Psychologin Prof. Dr. Shelly Carson an der Harvard University
Literatur: Wolf Lotter, Die kreative Revolution; Offician Humana, Arbeiter Samariter Bund Hessen